Die neue Seilgartennorm ist veröffentlicht.

EN 15567, Erca-Standards und andere Sicherheitsstandards und -normen

Die neue Seilgartennorm ist veröffentlicht.

Beitragvon Walter » Fr Mai 17, 2013 4:29 pm

Die Neuauflage der EN 15567 für Seilgärten ist in der Begutachtungsphase. Das bedeutet, sie ist veröffentlicht und es besteht die Möglichkeit, Einsprüche zu erheben - bis Juli 2013.

Die Norm ist zwar kein Gesetz, hat aber Gesetzescharakter: Wer sich nicht daran hält, hat Rechtfertigungsbedarf. Außerdem kann die Behörde Normkonformität vorschreiben.

Bei einer ersten Durchsicht sind mir einige wesentliche Änderungen aufgefallen, aber „Der Hund liegt im Detail“. So wurden einige „Kann“-Bestimmungen zu „Muss“-Bestimmungen und umgekehrt. Das macht einen kleinen, aber sehr wesentlichen Unterschied. Eine Muss-bestimmung lässt keinen Spielraum.

Unklar ist mir, wie mit den doch erheblichen Unterschieden zwischen der deutschen und der englischen Version umgegangen werden soll. Ich habe eine diesbezügliche Frage an das österreichische Normungsinstitut gerichtet.

Hier sind vorab einige auffällige Änderungen gegenüber der alten Norm (laut englischer Originalfassung):

1. Die Ablagereife für Stahlseile bei Drahtbrüchen wurde verschärft! Die ISO 4309 (die legt für Kranseile die Ablagereife fest) wurde aus der Seilgartennorm entfernt und statt dessen ein Kriterium aufgenommen: Bei 2 Drahtbrüchen auf einem Seilstück 30 Mal Seildurchmesser (bei 10 mm Seil also 30 cm) ist die Ablagereife erreicht. Das ist deutlich strenger als in der Industrienorm ISO 4309.
2. Es wurde auf die unterschiedlichen Sicherungssysteme Rücksicht genommen: Von normalen Schraubkarabinern über intelligente Systeme mit kommunizierenden Systemen bis zu Schienensystemen wird nun unterschieden. Das schlägt sich auch in den Beaufsichtigungsstufen nieder (siehe auch weiter unten). Eine wirklich wesentliche Veränderung betreffend kleiner Kinder ist nicht enthalten. Wenn ein 6-jähriges Kind durch einen Erwachsenen begleitet wird, kann es immer noch mit normalen Karabinern in großer Höhe selbständig herumklettern.
3. Es wurde der Begriff der „serious injury“, der schweren Verletzung eingeführt (Amputationen, schwere Knochenbrüche, ...). Darauf wird z.B. bei den passiven Bremssystemen von Zip Lines Bezug genommen, die nur solche (schwere) Verletzungen verhindern müssen, aber auch nur, wenn deren Risiko signifikant ist.
4. Die Kriterien für Seilendverbindungen wurden abgeschwächt. Entweder sie entsprechen der EN 13411 oder es muss ein dokumentierter Test durchgeführt werden. Bedeutet das, dass z.B. die alten DIN 741 Klemmen verwendet werden können, wenn sie getestet sind?
5. Die Handpressverbindungen sind erfreulicherweise in die Norm aufgenommen worden. Sie müssen nur markiert werden, der Dauerschwingtest entfällt.
6. Beim Wickeln ist ein Winkel von größer als 120 Grad zulässig, wenn es das Stahlseil aushält. Das bedeutet, dass 150 Grad bei 95% aller Seilgärten ausreichen. Es muss nur die Seilendverbindung gegen seitliche Belastung geschützt werden, was mit einer zusätzlichen Seilklemme bewerkstelligt werden kann. Bei Pressklemmen ist dennoch zu empfehlen, z.B. Trumpets einzufügen.
7. Plastikummantelte Seile, Seile mit Kunststoffeinlage, sogar Kunststoffseile dürfen verwendet werden.
8. Bei den Fangstellen wurde das Wort „hidden“ (verborgen) eingefügt. Es sind nur noch verborgene, gefährdende Fangstellen verboten, die bei üblicher Nutzung erreicht werden.
9. Die Lastannahmen wurden endlich geklärt. Es sind grundsätzlich 6 kN (plus Sicherheitsfaktor 3). Ausnahme: Bei Zip Lines, wo der Sturzfaktor kleiner als 0,5 ist, kann man mit 3 kN arbeiten. Plattformen werden mit 1,6 kN/m2 berechnet.
10. Plattformen dürfen nicht mehr aufgehängt werden, sie müssen „fixed and stable“ sein. Das gilt dann auch für Baumhäuser, da sie mangels extra Definition unter die Plattformen fallen.
11. Eine Muss-Bestimmung wurde beim Baumgutachten eingefügt: Es muss das Alter jedes Baumes festgestellt (nicht geschätzt!) werden. Das dürfte nur durch Bohren möglich sein.
12. Die Beschilderungen bei jedem Element sind auch bei Stufe 3 kein „Muss“ mehr, nur ein „sollte“.
13. Inspektoren müssen rauf in die Bäume, eine Inspektion vom Boden aus ist nicht mehr zulässig. Außerdem müssen sie jetzt über Seilgartenspezifisches Fachwissen verfügen.
14. Die Hersteller müssen eine EN-Konformitätserklärung in die Dokumentation aufnehmen.
15. Zur Beaufsichtigung: Bei Stufe 1 muss nur mehr eingegriffen werden können, wenn ein signifikantes Risiko von schweren Verletzungen („serios injury“) besteht. Stufe 2 bedeutet „able to see“ (statt bisher „clearly see“), Stufe 3 bedeutet nur mehr, bei Alarmierung durch Teilnehmer prompt zu reagieren
16. Sehr spannend ist der neue Begriff der „responsible adult“. Damit wird ein Teil der Aufgabe der Instruktoren an Besucher abgegeben. Dass das mit den nationalen Gesetzen in Einklang steht, wurde bereits bezweifelt.
17. Der Retter muss einen Verunfallten aus jeder Stelle des Seilgartens retten können. Ich kenne einen Swing in Tirol, wo man nur durch alpines Gelände und über eine Abseilstelle zu den Seilendverbindungen kommt. Ein Gast wird dort nie hinkommen. Dennoch muss der Retter so kompetent sein, dass er aus allen Stellen retten können muss.
18. Der PSA-Verantwortliche wurde stark abgeschwächt: Er muss nur mehr für diese Tätigkeit „qualifiziert“ sein. Es sind keine spezifischen Ausbildungen bzw. Erfahrung gefordert.

Ich werde in den nächsten Wochen die Norm im Detail (und auch in der deutschen Fassung) durchgehen und sämtliche Änderungen aufzeigen.
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Re: Die neue Seilgartennorm ist veröffentlicht.

Beitragvon Walter » Fr Mai 31, 2013 7:08 pm

Ein Artikel dazu mit Diskussion:
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http://www.hochseilgarten-kletterwald.d ... m-en15567/[/url]
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